Westoverledingen: Welche Eisenbahntrassen in der Wachstumsregion Ems-Achse sowie in den benachbarten Niederlanden werden in den kommenden Jahren neu entstehen oder reaktiviert? Erstaunlich konkrete Antworten auf diese Frage gab es bei der zweiten Bahn-Konferenz der Wachstumsregion Ems-Achse, dem Netzwerk Logistikachse Ems und der Gemeinde Westoverledingen mit 70 Teilnehmenden im Rathaus Ihrhove.
Dabei zeichnete sich anhand der Beispiele eine klare Tendenz ab: Wer frühzeitig seine Hausaufgaben erledigt und im besten Fall in Vorleistung tritt, hat bessere Chancen, „zum Zuge zu kommen“, wie es Wachstumsregion-Geschäftsführer Dr. Dirk Lüerßen umschrieb.
Dabei ist für den Leeraner Landrat Matthias Groote die „Zukunftsfähigkeit der Region abhängig von einem gut ausgebauten und funktionierenden Schienenverkehr“. Auch deshalb freut er sich, dass es im Herbst 2026 zwischen Groningen und Bremen nach dem Neubau der Friesenbrücke endlich mit der Wunderline losgeht. Hiermit einher gehen neue Bahnhaltepunkte in Weener, Bunde, Ihrhove und Neermoor.
Der Westoverledinger Bürgermeister Theo Douwes ergänzte, dass der Bahnhof Ihrhove vor 47 Jahren geschlossen wurde. Er verknüpfte mit der Wiedereröffnung zugleich die Hoffnung, dass nicht nur die Züge der Wunderline dort ab Dezember 2026 halten werden, sondern später auch wieder die Züge auf der Trasse von Rheine nach Emden. Dabei betitelte Jan Oostenbrink von der Wunderline sogar „vielleicht etwas als Glück“, dass es vor elf Jahren zur Schiffshavarie an der Friesenbrücke in Weener gekommen ist. Dadurch sei der neue moderne Brückenneubau erst möglich geworden.
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Anja Troff-Schaffarzyk, zugleich Mitglied im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages, dankte der Wachstumsregion sowie den Landkreisen, der Stadt Emden und den Provinzen Drenthe, Groningen und Overijssel für die „fundierte Strategiestudie Schiene 2050“. Die Region habe sich auf den Weg gemacht. Dabei sei „die Chance in Hannover und Berlin“ bei den zuständigen Ministerien und Regierungen für einen Ausbau der Verkehrsinfrastruktur gehört zu werden, so groß wie noch nie.
In Fachreferaten gaben niederländische und deutsche Verkehrsexperten detaillierte Einblicke in unterschiedliche Projekte. Tilli Rachner, Geschäftsführer vom Verkehrsverbund Ems-Jade, wies auf zwei bedrohliche Nadelöhre im Bahnverkehr hin.
So muss die veraltete Klappbrücke in Emden immer wieder gesperrt werden. Nicht nur Urlauber müssen auf Schienenersatzverkehr ausweichen. Einen kleinen Lichtblick gibt es für die Trasse „Bremen-Leer“. Das größte Sorgenkind ist hier die Hunte-Brücke in Oldenburg. „Der Neubau soll in den 2030-iger Jahren kommen“, so Rachner.
Dass es sehr viel schneller geht, zeigt die Bentheimer Eisenbahn. Geschäftsführer Joachim Berends freut sich nicht nur darüber, dass die Trasse Bad-Bentheim-Neuenhaus mit bis zu 4000 Fahrgästen pro Tag erfolgreich reaktiviert wurde. Sein Ziel ist die weitere 30 Kilometer lange Reaktivierung der Trasse bis ins niederländische Coevorden. Die Umsetzung bis Coevorden und weiter nach Emmen soll bis 2035 umgesetzt werden.
Dabei planen die Niederländer selbst den Ausbau einer 40 Kilometer langen komplett neuen Eisenbahntrasse von Emmen nach Stadskanaal bzw. Veendam. Wie Paul Kamps von der Provinz Drenthe ausführte, stellt die Regierung in Den Haag dafür zwei Milliarden Euro bereit. „Nach optimistischen Schätzungen soll die Nedersaksenlijn 2037 fertig sein“, sagte Kamps. Das ist dann der Lückenschluss für die insgesamt 180 Kilometer lange Bahnstrecke zwischen Groningen und Enschede. Dabei bauen die Niederländer nicht nur eine neue Eisenbahnstrecke. Damit einher geht eine große „Gebietsentwicklung“ u.a. für die Bereiche „Wohnen und Wirtschaft“.
Per Videocall informierte Dr. Martina Niemann über die Pläne der DB Cargo AG. Dabei waren die Teilnehmer anfangs durchaus enttäuscht, dass die DB Cargo auf das Güterverkehrszentrum Osnabrück als Standort für die komplette Region setzt. Landrat Matthias Groote sagte: „Es sieht so aus, dass sich die DB Crago noch weiter zurückzieht.“
Martina Niemann entgegnete: „Wir sind in Gesprächen mit lokalen Anbietern wie der Bentheimer Eisenbahn, um Güterverkehre verlässlich zu gestalten.“ Zudem gebe es nach ihren Angaben konkrete Gespräche mit dem Bundesverteidigungsministerium. So sollen gut ausgebaute Bahntrassen im Krisenfall dafür Sorge tragen, dass militärische Güter über die Schiene von und zu den Häfen wie Emden transportiert werden.
Güterverkehre zum Beispiel zum Binnenhafen Spelle (Landkreis Emsland) spielen auch bei der zwölf Kilometer langen Trasse von Rheine nach Spelle eine Rolle. Daniel Plaggenborg, Geschäftsführer der Emsländischen Eisenbahn, zeigte sich erfreut: „Die Region steht hinter dem Projekt der Reaktivierung für den Personenverkehr.“ Denn in einigem Jahren sollen hier nicht mehr nur Güter transportiert werden, sondern auch Fahrgäste aus Spelle über die Haltestellen Altenrheine und Rheine Nord zum wichtigen Bahnhof in Rheine gelangen. Allerdings sei dieser Bahnknotenpunkt schon jetzt sehr stark ausgelastet und müsste deshalb ebenfalls zukunftsfähig ausgebaut werden. Dies auch vor dem Hintergrund, dass die Region für die Trasse „Rheine-Emden“ fordert, die Züge nicht mehr im Stunden-, sondern im Halbstundentakt einzusetzen.
Auf der weiteren Wunschliste steht zudem eine Reaktivierung der Bahnstrecke von Meppen nach Essen (Oldenburg) über 51,3 Kilometer. Bislang transportiert die Emsländische Eisenbahn hier lediglich Güter. Der Ausbau für den Schienenpersonennahverkehr würde nach jetzigem Stand 106,8 Millionen Euro kosten.
Die Niedersächsische Landesnahverkehrsgesellschaft will die Trasse jedoch nicht reaktivieren, aktuell ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis noch zu schwach. Dies sieht ganz anders für die im Jahr 1993 stillgelegte Strecke von Emden nach Abelitz bzw. Aurich aus. Die 29 Kilometer lange Trasse mit drei Haltepunkten, u.a. bei der geplanten Zentral-Klinik, soll über 29 Kilometer führen. „Wir rechnen mit Kosten inklusive des aufwendigen Lärmschutzes von 74 Millionen Euro“, sagte Matthias Heyen vom Landkreis Aurich. Dabei könnten bis zu 4000 Fahrgäste täglich auf der Strecke hin- und herpendeln. Einen exakten Zeitplan für die Umsetzung gebe es noch nicht.
Die positiven Auswirkungen einer neuen Bahnstrecke umriss der Nordhorner Bürgermeister Thomas Berling. Dabei gebe es viele Fördertöpfe, mit denen sich schon im Vorfeld Infrastrukturmaßnahmen wie gesicherte Bahnübergänge, die Sanierung des Nordhorner Bahnhofes oder attraktive Fahrradwege realisieren lassen. Zudem sei es sehr hilfreich und zeitsparend, schon frühzeitig notwenige Planfeststellungsverfahren einzuleiten.
Auch die Stadt Lingen profitierte bei der aufwendigen Sanierung des Bahnhofes aus dem Jahr 1856 von öffentlichen Fördergeldern. Nach Angaben von Henrik Beerboom (Stadt Lingen) konnten so insgesamt zwölf Millionen Euro investiert werden. Dadurch entstand ein „neues Tor zur Innenstadt“.
(PM)
Foto: Wachstumsregion Ems-Achse
(07.09.26)